Zu Fuß Ablenkung von Sorgen finden

Organisationsaufwand ist zu groß. Turnvereine stellen gemeinsames Projekt ein. Kohls: „Trotz alledem war’s schön!

JEVER/HOOKSIEL/JS – „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne…“, sangen die Vieth-Wanderer am Sonntag in der jeverschen Stadtkirche, bevor es auf die rund 13 Kilometer lange Strecke nach Hooksiel ging.

Schade ist nur, dass künftige Teilnehmer der Traditionsveranstaltung nicht mehr unter der „güldnen Sonne“ des Jeverlandes wandern werden. „Nach 30 Jahren werden wir das nun beenden“, teilte der Vorsitzende Eckhard Kohls im Anschluss an die kurze Andacht mit Diakon Fredo Eilts mit (wir berichteten).

Der Vorsitzende des MTV Jever sowie MTV-Hooksiel-Chefin Anne Frerichs wiesen auf den großen Aufwand hin, der alljährlich mit der Ausrichtung der Traditionswanderung verbunden sei. Der Bustransfer, die Teepause in Nadorst und die Eintopf-Verpflegung im Anschluss an den Marsch – das alles stehe in keinem Verhältnis mehr zur Teilnehmerzahl, die in den vergangenen Jahren immer mehr geschrumpft ist.

Auch am Sonntag trafen sich gerade mal 16 Wanderfreunde in der Stadtkirche. In seiner Andacht erinnerte Fredo Eilts an die Redewendung „Mach mal einen Gang um den Block!“, mit der im übertragenen Sinne aufgeregten oder gar wütenden Menschen indirekt zur inneren Einkehr geraten wird. „Laufen und Gehen befreit und lenkt ab von den Alltagssorgen“, sagte der Diakon und schickte die Wanderer auf den Weg „durch die Schöpfung Gottes“.

Die 30. Vieth-Wanderung nahm Eilts zum Anlass, um auf einen weiteren Jahrestag hinzuweisen, nämlich auf die große Weihnachtsflut vom 25. auf den 26. Dezember 1717, also vor 300 Jahren. Tatsächlich erinnert die Wanderung an die Februar-Sturmflut von 1825, als die Hooksieler von Jever aus über das damals noch schiffbare Hookstief mit Lebensmitteln versorgt worden waren.

Schließlich sieht der Diakon die Veranstaltung auch in einer Tradition, „wie einst von den deutschen Turnvätern gepredigt“. Das sehen auch die beiden Vereine so, die mit der Wanderung den bedeutenden Schulmann und Turnpädagogen Gerhard Ulrich Anton Vieth ehren, der am 8. Januar 1763 in Hooksiel geboren wurde. Vieth galt als Vorbild des auch als „Turnvater“ bezeichneten Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852). Schließlich ist der Marsch auch Salomon Mendelsohn und Karl Peters gewidmet. Der 1813 in Jever geborene Mendelsohn eröffnete den ersten Turnplatz auf dem ehemaligen Kasernengelände beim Mariengymnasium. Peters war von 1913 bis 1924 Vorsitzender des MTV Jever.

Der MTV Jever hatte die Veranstaltung zu seinem 125-jährigen Jubiläum im Jahr 1987 sozusagen von der Stadt „geschenkt“ bekommen. Fast wehmütig erinnerte Eckhard Kohls an die vergangenen Vieth-Wanderungen, die entlang des Hookstiefs bis nach Nadorst und von dort aus über Tain und Pakens nach Hooksiel führten (oder in entgegengesetzter Richtung).

Und obwohl die Wanderer in manchem Jahr Wind und Wetter getrotzt hatten, stellte der MTV-Vorsitzende fast wehmütig fest: „Trotz alledem war’s schön!“

Zurück

Wir danken unseren Sponsoren und Unterstützern